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Lernen durch Verantwortung in der Geriatrie der Kreiskliniken: Selbst ist der Auszubildende

Darmstadt-Dieburg. „Wirkt orientiert“, „bekommt sehr viel Unterstützung von Angehörigen“: Im Stationszimmer der Geriatrie an der Kreisklinik in Groß-Umstadt ist es ruhig. An einem Tisch sitzen Pflege-Auszubildende und schreiben eifrig mit, während Lena Saul Zimmer für Zimmer und Patient für Patient durchgeht: Schichtübergabe. Lena Saul ist eigentlich auch Auszubildende, aber heute ist sie Schichtleiterin und unter anderem dafür verantwortlich, dass die Kollegen, die nun ihren Dienst antreten, auch alles wissen, was sie wissen müssen. Es sind die Projekttage „Auszubildende leiten eine Station“ in der Kreisklinik. „Lernen durch Verantwortung“ heißt das Motto: Diese Tage sind ein Praxistest für die Azubis und dienen dazu, eigenständig einen pflegerischen Bereich zu übernehmen, in diesem Fall die Station der Geriatrie. Die Azubis stehen etwa ein halbes Jahr vor ihrer Abschlussprüfung und üben nun den Klinikalltag, dabei müssen sie in Eigenregie Dienstpläne erstellen oder selbstständig entscheiden, welche pflegerischen Konzepte sie anwenden, welchen Verband sie anlegen oder wie sie Übergaben gestalten. Begleitet werden sie dabei von „Schatten“, den Praxisanleitern. Deshalb heißen die Projekttage intern auch „Schattentage“.  „Die Praxisanleiter greifen dabei nur in Ausnahmefällen ein“, sagt Anke Feller, Leiterin des Bildungszentrums der Kreiskliniken, an dem die Auszubildenden unterrichtet werden.

Auszubildende kommen nicht nur aus Kreiskliniken

Eingreifen müssen sie bei der Übergabe an diesem Tag nicht. „Ich fand die Übergabe sehr strukturiert“, lobt die angehende Pflegepädagogin Lotta Reinhardt. Janette Lippke, stellvertretende Stationsleiterin der Geriatrie, hat einen Hinweis: „An der Kommunikation müsst ihr arbeiten“, sagt sie in die Runde, „ihr traut euch nicht, Kollegen anzusprechen, weil ihr Angst habt, kritisiert zu werden. Das müsst ihr aber üben, weil es zuletzt immer um das Patientenwohl geht.“ Die Patienten wissen Bescheid, dass sie nun für zehn Tage in den Händen von Azubis sind. 28 künftige Pflegekräfte sind es, wobei nicht alle die Kreiskliniken als Träger der praktischen Ausbildung haben. Zum Teil kommen sie auch von anderen Einrichtungen, deren Träger etwa die AWO Michelstadt, die Gersprenz Seniorendienstleistungsgesellschaft oder die Asklepios Schlossberg Klinik sind. 

Stationsleitung ist bei den Schattentagen dieses Mal Ann-Kathrin Berndt. Sie ist Azubi im Haus Weinbergblick in Groß-Umstadt, das von der Seniorendienstleistungsgesellschaft Gersprenz betrieben wird. Gewählt wurde sie demokratisch von ihren Kollegen. „Es war am Anfang ein bisschen überfordernd“, bekennt die 30-Jährige. „Wir mussten einige Abläufe organisieren und haben uns auch ein eigenes Leitbild gegeben: Der Patient steht im Vordergrund, dafür müssen auch mal eigene Bedürfnisse hintenanstehen. „Es ist eine große Verantwortung“, sagt sie über die Projekttage, „aber man ist ja durch seine Ausbildung darauf vorbereitet und man kann darauf vertrauen, was man gelernt hat. Und hier lernt man noch dazu, auch für sich, was man an sich selbst noch ändern muss.“

Patienten bewerten die Leistungen

Noten gibt es auf diese besonderen Ausbildungstage selbst nicht, nur auf die Vorbereitung. Die erbrachte Leistung wird aber danach per Fragebogen von den Patienten bewertet und die Praxisanleiter geben auch ein Feedback. „Wichtig ist auch das gegenseitige Feedback der Azubis“, sagt Anke Feller, „denn damit wird die Reflexionsfähigkeit der Gruppe und des Einzelnen gestärkt, und sowohl die fachliche als auch die persönliche und soziale Kompetenz weiter ausgebaut.“

„Die Projekttage sind für uns ein wertvolles Instrument in der Ausbildung“, sagt Klinik-Betriebsleiterin Pelin Meyer, „hier zeigt sich schnell, wo jeder noch Verbesserungsbedarf hat. Hier wird aus grauer Theorie reale Praxis, und das völlig eigenständig.“ Betriebsleiter Christoph Dahmen fügt an: „Es ist eine neue Erfahrung, die auf den späteren Job vorbereiten soll, bei dem auch nicht in jeder Situation jemand Anweisungen gibt. Später muss auch jeder Handgriff zum Wohl der Patienten sitzen, und das kann hier gut geübt werden.“

tb

Zwei Azubis bei einer Besprechung im Stationszimmer
Besprechung im Stationszimmer: Die beiden Pflege-Azubis Ann-Kathrin Berndt (links) und Lena Saul. Berndt ist Stationsleitung bei den Schattentagen, Saul an diesem Tag Schichtleitung. Foto: Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg