Mit Fachkräften die Zukunft sichern

Aktive Podiumsdiskussion - v.l.n.r.: Roman Gebhardt, Leiter des Kommunalen Jobcenters; Alexandra Nütten, Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Darmstadt, Dr. Christa Larsen, Geschäftsführerin des IWAK; Moderator Sven Astheimer, Redakteur Unternehmensberichterstattung bei der F.A.Z., Susanne Haus, Vizepräsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main sowie Heribert Benteler, IHK-Vertreter und Geschäftsführer der Stihl Vertriebszentrale in Dieburg

Dialogforum Darmstadt-Dieburg beleuchtet die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt

Obwohl die Wirtschaft in Deutschland und im Landkreis wächst, prognostizieren die Branchenverbände für die kommenden Jahre einen ausgeprägten Fachkräftemangel.

Grund genug für den Fachbereich Wirtschaft, Standort- und Regionalentwicklung des Landkreises Darmstadt-Dieburg sowie das Standortmarketing Darmstadt-Dieburg e.V. sich mit dankenswerter Unterstützung der Sparkasse Darmstadt im Rahmen des jährlich stattfindenden Dialogforums mit den Herausforderungen und Chancen zu beschäftigen, die das Thema fehlende Arbeits- und Fachkräfte mit sich bringt.

Landrat Klaus Peter Schellhaas hatte dafür kürzlich die Mitglieder von Kreisausschuss und Kreistag des Landkreises, dessen Bürgermeister, die Vertreter der Kammern und des Schulamtes sowie Unternehmensvertreter und Wirtschaftsförderer zu einem Vortragsabend mit anschließender Podiumsdiskussion in den Kreistagssitzungssaal eingeladen.

Als Vorsitzender des Standortmarketings Darmstadt-Dieburg e. V. begrüßte Landrat Peter Schellhaas die über 100 Anwesenden und zeigte sich dennoch überrascht, dass der Saal bei diesem brisanten Thema „nicht aus allen Nähten platze“. Schließlich hätten ja alle das Problem, Kollegen zu finden. Kannte man diese Situation früher nur aus der Pflegebranche, so zeige sich doch heute eine konjunkturelle Lage, die ihresgleichen suche: Viele Unternehmen könnten expandieren, wenn sie entsprechende Fachkräfte hätten.

Eine Lösung könne man nur gemeinsam finden und es müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass Arbeit attraktiv bleibe.

Fachkräfte fehlen

Damit leitete Landrat Klaus Peter Schellhaas zu Dr. Christa Larsen über, die einen Impulsvortrag zur regionalen Beschäftigungssituation hielt. Die Geschäftsführerin des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) an der Goethe-Universität Frankfurt am Main beobachtet als Arbeitsmarktforscherin mit ihrem Team seit 2007 im Auftrag des Hessischen Wirtschaftsministeriums die Entwicklung von Maßnahmen zur Arbeits- und Fachkräftesicherung.

In der aktuellen die Studie „regio pro“ für die Landkreise wird ein Blick auf die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt Hessen von 2015 bis 2022 geworfen. Laut der Expertin werden bis 2022 hessenweit 87.670 Fachkräfte fehlen, was drei Prozent der Beschäftigten im Jahr 2015 entspräche.

Gemäß Studie werde für den Landkreis Darmstadt-Dieburg bis 2022 konkret ein Engpass von 6.310 Arbeitskräften erwartet, was sieben Prozent der dort Beschäftigten im Jahr 2015 entspräche, darunter 5.270 Beschäftigte mit Berufsausbildung und zehn mit (Fach-)Hochschulabschluss. Neu ist, dass auch 1.030 Personen ohne Berufsausbildung gesucht werden. Eine große Herausforderung sei derzeit im Landkreis Darmstadt-Dieburg der altersbedingte Ersatzbedarf – bedingt durch den demografischen Wandel.

Dies sei in den unterschiedlichsten Berufsgruppen spürbar. Besonders betroffen seien die Gebäude- und Versorgungstechnische Berufe (14 Prozent), Büro- und Sekretariat (13 Prozent), Recht und Verwaltung sowie Medizinische Gesundheitsfachberufe (jeweils 12 Prozent), Schutz-, Sicherheits- und Überwachungsberufe (elf Prozent).

Jeweils einen Mangel von zehn Prozent der Beschäftigten im Jahr 2015 wird bis 2022 in den Branchen Gartenbau und Floristik, Tourismus sowie Hotel- und Gaststättengewerbe, in den nicht-medizinischen Gesundheitsbereichen, in der Körperpflege, Medizintechnik, in der Erziehung, den sozialen und hauswirtschaftlichen Berufen und der Theologie festzustellen sein. Je nach Berufsbild müssten daher unterschiedliche Lösungen für den Arbeits- und Fachkräftemangel gefunden werden.

Mögliche Ansätze, wie die fehlenden Mitarbeiter von morgen gefunden und für den eigenen Betrieb gewonnen werden könnten, wurden in der anschließenden Podiumsdiskussion thematisiert, die von dem verantwortlichen Redakteur für Unternehmensberichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Sven Astheimer, moderiert wurde.

Ausbildung und Mitarbeiterpflege sind wichtig

Künftig müsse man kreativer sein, um gute Mitarbeiter zu finden, ist sich Heribert Benteler, seit 2012 Geschäftsführer Deutschland bei der Stihl Vertriebszentrale, sicher. In den letzten zwei bis drei Jahren sei der Fachkräftemangel deutlich geworden. Um entsprechende Mitarbeiter zu finden, spiele der Marketingmix eine Rolle. Es werde jedoch auch um Preise gehen, so das Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Darmstadt weiter. Konkret bedeute dies für ihn vor allem auch Frauen als Fachkräfte anzusprechen und eine gute Standortpolitik zu betreiben.

Susanne Haus, seit Ende 2015 Vizepräsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main sowie Maler- und Lackierermeisterin mit eigenem Unternehmen in Bischofsheim, setzt auf ein gutes Betriebsklima und Ausbildung. So präsentiere sie ihren Betrieb auf Ausbildungsmessen, bilde verstärkt – auch weibliche Mitarbeiterinnen und aktuell einen Flüchtling – aus und fördere die Weiterbildung ihres Teams. Wichtiger als die Bezahlung sei für sie, dass die Arbeitskräfte Spuren bei ihrer Tätigkeit hinterließen, Erfüllung fänden und mit ihrem Tun zufrieden seien.

„800 Menschen kommen monatlich und müssen integriert werden“, benennt Alexandra Nütten, operative Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit in Darmstadt, eine konkrete Zahl der Arbeitsvermittlung. Dabei sei die Thematik sehr vielschichtig: Einerseits kämen mehr Menschen, die keine Ausbildung haben, die sich zwar schneller in Arbeit vermitteln ließen, jedoch nicht so gut in den Unternehmen Fuß fassen könnten. Gerade Sprachbarrieren würden dazu führen, dass Mitarbeiter nach Arbeitsspitzen wieder entlassen werden würden. Potential würden die rund 17.000 Menschen unter 35 Jahren im Landkreis Darmstadt-Dieburg bieten, die keine Ausbildung hätten: Diese könnten entsprechend des Bedarfs qualifiziert werden. Positiv sei auch zu vermerken, so die Expertin weiter, dass ältere Beschäftigte besser zurück in den Arbeitsmarkt kämen

Talente entdecken und fördern

Roman Gebhardt, Leiter des Kommunalen Jobcenters, Kreisagentur für Beschäftigung, sagte, dass derzeit rund 16.500 Menschen im Landkreis Leistungsbezug bekämen. Davon seien 10.000 in den Arbeitsmarkt integrierbar, wenn man die entsprechende Zeit und das Verständnis für diese Menschen, bei denen es sich überwiegend um Alleinerziehende, Ältere oder auch Kranke handele, mitbringe.

„44 Prozent der Betriebe würden Langzeitarbeitslose einstellen, allerdings gibt es Zweifel an deren Belastbarkeit“, berichtet der Experte, der seit über 30 Jahren Erfahrungen im Bereich des Arbeitsmarkt-Managements beim Landkreis Darmstadt-Dieburg gesammelt hat und Spezialist für Beratung, Vermittlung und Qualifizierung ist. Diese Zweifel würden jedoch in der Praxis nicht bestätigt werden, es käme vielmehr darauf an, die Talente der Arbeitskräfte zu entdecken und den jeweils passenden Arbeitgeber zu finden. „Wer nur auf Zeugnisse schaut, verpasst es Talente einzustellen. Ich muss als Arbeitskraft für meinen Beruf und meinen Arbeitgeber „brennen“, die Qualifizierung kann ich auch nachträglich noch erlagen“, ist Roman Gebhardts Credo.

Moderator Sven Astheimer wollte abschließend noch von Dr. Christa Larsen wissen, wie man den kurzfristigen Bedarf an Fachkräften und die langsame Entwicklung von Talenten miteinander vereinbaren könne. „Wichtig ist, sich vor Ort zu kennen, auszutauschen und Unterstützung anzubieten“, appellierte sie an die Unternehmer, Ortsgewerbevereine und Bürgermeister als Netzwerker. Darüber hinaus sei es aber gerade für die Unternehmen wichtig, umzudenken und neue Maßstäbe zu setzen. Sie müssten sich öffnen und neue Lösungswege aktiv einschlagen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dabei sei es zudem wichtig, diese Unternehmen dann nicht alleine zu lassen.

Landrat Klaus Peter Schellhaas dankte den fachkundigen Rednern für ihre Beiträge und schloss die Veranstaltung mit den Worten, dass der hochinteressante Vortrag von Dr. Christa Larsen ebenso wie die anschließende Podiumsdiskussion gute Anregungen gebracht hätten.

Smart Region/Smart City: Vernetzung mit Strategie

Organisatoren der Veranstaltung "Smart Region/Smart City": Wirtschaftsförderer Ralf Hügel (links) vom Landkreis Offenbach und Andreas Rinnenbach (rechts) vom Landkreis Darmstadt-Dieburg

Gemeinsam die Digitalisierung vorantreiben: Landkreis Darmstadt-Dieburg und Landkreis Offenbach informieren bei Veranstaltung "Smart Region/Smart City"

Das Thema Digitalisierung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Sowohl auf internationaler als auch auf regionaler Ebene spielt die konsequente Vernetzung eine immer größer werdende Rolle. Gerade für Unternehmen und Verwaltungen bietet die Digitalisierung die Chance auf Effizienzgewinn. Um die Entwicklungen und Auswirkungen für die Kommunen und die Region näher zu beleuchten, luden Klaus Peter Schellhaas und Oliver Quilling, Landräte der Landkreise Darmstadt-Dieburg und Offenbach, kürzlich zu einer hochkarätigen Vortragsreihe ins Kreishaus nach Dietzenbach ein. Unterstützt wurde die Veranstaltung unter dem Motto „Smart Region / Smart City“ vom Zweckverband NGA-Netz Darmstadt-Dieburg und der Geschäftsstelle Digitales Hessen.

„Digitalisierung birgt Chancen, neue Infrastrukturen müssen geschaffen werden, die nicht an den Grenzen von Städten und Kommunen Halt machen“, erklärte Landrat Oliver Quilling bei seiner Begrüßung zum Auftakt der Veranstaltung. Gut 100 Entscheider aus Wirtschaft und öffentlichen Einrichtungen hatten sich eingefunden, um dem Impulsvortrag von Prof. Dr. Lutz Heuser zu lauschen. Der Sprecher des Smart City Forums zeigte unter dem Motto „Digitalisierung im regionalen Raum: Smart Region als Transformationsprozess“ auf, dass das Thema nicht nur für Großstädte, sondern für alle wichtig sei. Der Geschäftsführer der Urban Software Institute GmbH, die Städte und Kommunen bei der Digitalisierung unterstützt, führte auf, welche strukturpolitischen, technologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden müssten.

Publizist und Autor Franz-Reinhardt Habbel, der bis 2017 Sprecher sowie Beigeordneter beim Deutschen Städte- und Gemeindebund war, referierte über den „Aufbruch: Deutschlands Kommunen werden smart – Stand und Perspektiven“. Er betonte in seinem Vortrag, dass Kommunen an Bedeutung gewännen, genauso wie die Kommunikation zu jeder Zeit an jedem Ort. Digitalisierung helfe überdies eine neue Mobilität zu entwickeln und politische Probleme zu lösen, indem man neue Potenziale, Kooperationen und letztendlich auch das Engagement der Jugend nutze.

In der zweiten Tagungshälfte konnten sich die Veranstaltungsteilnehmer dann auf praktische Beispiele freuen: Unter dem Titel „Digitalstadt Darmstadt: Modellprojekt mit Nachhaltigkeit und Bürgernähe“ stellte Simone Schlosser, eine von drei Geschäftsführern der Digitalstadt Darmstadt GmbH, das bis Ende 2019 laufende Projekt vor. Anhand von verschiedenen Beispielen aus den Bereichen Mobilität, Bildung und Handel zeigte sie Möglichkeiten für die jeweilige Zielgruppe und deren Nutzen auf. 

Der Bürgermeister der Stadt Bad Hersfeld, Thomas Fehling, gab in seinem Vortrag Einblicke in die „Smart City Bad Hersfeld – Ein Erfahrungsbericht“. Er informierte über die smarten Technologien der hessischen Mittelstadt und ging auf die aktuellen Smart City-Themenfelder Verkehr, Energie, Stadtmarketing und Sicherheit ein. Es müsse keine perfekte, allumfassende Lösung sein, sondern es sei besser mit kleinen Etappen Erfolge zu erzielen, Motivation zu gewinnen und Schwung für größere Projekte zu holen.

Bei all den Projekten ist Datenschutz jedoch unerlässlich. Daher griff Dr. Michael Kreutzer vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie genau dieses Thema in seinem Vortrag über „Cybersicherheit und Datenschutz für die Digitalisierung von Städten“ auf. Die Chancen der Digitalisierung – beispielsweise die effiziente Nutzung von Ressourcen, Wirtschaftswachstum und die Möglichkeiten von schnellerer Kommunikation Analyse – stünden den Gefahren von ökonomisch oder politisch motivierten Cyberangriffen gegenüber. Dafür gelte es Sicherheitslösungen zu finden.

Während Landrat Oliver Quilling – stellvertretend für alle Teilnehmer – am Veranstaltungsende das Fazit zog, dass er eine ganze Menge an Anregungen für die weitere Projektentwicklung mitnehmen könne, freut sich Landrat Klaus Peter Schellhaas auf die Zusammenarbeit der beiden Landkreise hinsichtlich Digitalisierung. „Wir haben mit der Veranstaltung einen wichtigen Impuls gesetzt und dabei aufgezeigt, dass Smart Region und Smart City kein übergeordnetes Thema ist, sondern von vielen gemeinsam gelebt und weiterentwickelt wird. Von Kreisseite werden wir die Digitalisierung vorantreiben und setzen auf eine gute Vernetzung mit den einzelnen Kommunen und deren engagierten Konzepten“, so der Landrat des Landkreises Darmstadt-Dieburg abschließend.  

Smart Region / Smart City sind Begriffe für die ganzheitlichen und innovativen Konzepte, die eine Region bzw. Stadt effizienter, technologisch und wirtschaftlich fortschrittlicher, sozialer und nachhaltiger gestalten. Die Region und Stadt soll somit attraktiver, reizvoller und intelligenter für Bürger, Wirtschaft und Tourismus werden.